Startseite
  Über...
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 


http://myblog.de/mannmithut

Gratis bloggen bei
myblog.de





Der Krebs

Jack stand auf dem Balkon seines Hauses und verplemperte sein Leben. Alles einfach nur beschissen, der eiskalte Regen, die verdammten grauen Wolken, der schneidende Wind. Die Cigarette schmeckte herrlich, doch der Rauch brannte in der Lunge. Jack exhalierte durch die Nase in die kalte Abendluft und schnaubte. Sollte es sich doch ins Knie ficken, das verdammte Drecksvieh! Ihm konnte niemand was, ihm nicht. Nicht so lange er auf diesem gottverdammten Balkon stand und Cigaretten rauchte. Sein Ersatz, der ihn Stück für Stück auseinandernahm, Zelle für Zelle in ihm abtötete. Bis es irgendwann die letzte war. Fuck, dachte Jack. Die Zeit rast permanent an mir vorbei. Ich stehe am Bahnhof, der Zug des Lebens fährt auf einem anderen Gleis. Welche Weiche war der Fehler? Scheiß Schule, scheiß Leben. Scheiß Krebs. Überall war der Krebs, wo man hinschaute war Krebs, er wucherte in Gehirnen, Herzen und Lungen; in Geschlechtsorganen, Därmen und Mägen. Er wucherte in der Moral der aktuellen Drecksgesellschaft. Wo jeder nur an das Geld dachte, das verdammte Geld. Oder an sich selbst. Oder einfach an gar nichts mehr, überall Menschen die sich einen Dreck um irgendetwas scherten, sie liefen durch ihr Leben, waren nicht traurig aber auch nicht glücklich, sie waren nur noch Schatten in der Düsternis eines jegliche Moral verachtenden Kapitalismus. Sie saßen in engen Wohnungen, wo die Tapete abblätterte und der Schimmel wucherte, sie kehrten Straßen, legten in Fabriken Reiskörner in Ostereier. Tag für Tag, Nacht für Nacht. Bis irgendwann der Sensenmann kam und sie befreite. Verdammte Scheiße, dachte Jack. Wieso bin ich nicht einer von ihnen? Ihr Leben ist beschissen, aber sie leben einfach. Keiner von ihnen denkt mehr nach, er macht seinen Job falls er einen hat und säuft abends in der Kneipe. Gelegentlich bumst er vielleicht noch irgend eine Nutte. Falls mal Geld da war. Ach, schon wieder. Das verdammte Geld. Der Krebs, der da wucherte. Der Krebs einer Rücksichtslosigkeit die sämtliches überstieg, was Jack aushielt. Vielleicht sollte ich jetzt einfach springen, dachte Jack. Einfach springen und warten was danach kommt. Und wenn nichts kam? Scheiß drauf. Wenigstens kein Krebs mehr. Keiner, der irgendwann deinen Körper zerfrisst. Keiner, der die Gesellschaft aushöhlte. Noch eine Cigarette. Gegen den Krebs in seiner Seele. Vielleicht auch nur Genugtuung für den echten Krebs, der ihn irgendwann töten würde. Ich bin keiner von ihnen, verdammt. Ich denke nach. Ich sehe den riesigen Berg Scheiße noch. Ich sehe meine Vergangenheit und hasse sie, ich sehe meine Zukunft und hasse sie. Ich habe Geld, ich habe Bildung, ich habe Perspektive. Ich hasse alles. Der Krebs, das Drecksvieh. Der Krebs der mein Leben frisst. Warmer Rauch, tödlich doch schmackhaft. Jack zog an seiner Cigarette, exhalierte, zog, exhalierte. Was mit diesem erbärmlichen Tag anfangen? Was zur Hölle anfangen mit einer Zeit, die einfach fehl am Platze war? Besaufen? Langweilig. Ficken? Wäre schon nett, aber mit wem? Eine Story schreiben? Nein, er fühlte sich heute nicht kreativ genug. Einen Song? Bloß nicht, ging sicher schief. Jack spuckte. Scheiße. Seit zwanzig Minuten stand er auf dem Balkon und verplemperte sein Leben. Alles, was er in den letzten zwanzig Minuten gedacht hatte, hatte er schon einmal gedacht. Tag für Tag. Nacht für Nacht. Cigarettenlänge für Cigarettenlänge. Bis irgendwann der Sensenmann auftauchte.
4.3.08 22:24
 


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung